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SPS-Obsoleszenz: Die Ersatzteilkrise in der Automatisierung

Die SPS-Ersatzteilkrise erklärt: Siemens S5 (EOL 2020), S7-300 (Produktionsstopp Okt 2025), und was Anlagenbetreiber jetzt tun müssen. Lifecycle-Zeitpläne, Preisentwicklung, Gegenmaßnahmen.

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SPS-Obsoleszenz: Die Ersatzteilkrise in der Automatisierung

Am 1. Oktober 2025 hat Siemens die Produktion der SIMATIC S7-300 eingestellt — nach über 30 Jahren als eine der meistverbreiteten SPSen weltweit. Mehr als 267 Modultypen sind ab sofort nur noch als Ersatzteile verfügbar, mit schwindender Menge. Die S5-Reihe verlor den Herstellersupport noch früher, am 30. September 2020. Für Anlagen die noch diese Steuerungen betreiben, ist die Ersatzteilsituation kein Zukunftsthema mehr — sondern Gegenwart.

Der Siemens-Lebenszyklus: Wie SPSen langsam sterben

Siemens steuert das Produktende über definierte Lifecycle-Meilensteine:

PM300 — Aktives Produkt: Volle Produktion, voller Support, empfohlen für neue Projekte. Alle S7-1500 und S7-1200 Module stehen hier heute.

PM400 — Abkündigung angekündigt: Siemens kündigt die geplante Einstellung offiziell an. Für S7-300 war das der 1. Oktober 2023.

PM410 — Produktion eingestellt: Neuproduktion endet. Nur noch Lagerbestand und Ersatzteile. Für S7-300 war das der 1. Oktober 2025. Ab diesem Datum kommt jedes verkaufte S7-300-Modul aus dem bestehenden Lager — wenn es weg ist, ist es weg.

Ersatzteilfenster: Siemens garantiert Ersatzteile für 10 Jahre ab dem PM400-Datum (nicht PM410). Für S7-300 bedeutet das: Ersatzteile garantiert bis ungefähr Oktober 2033. Danach hängt die Verfügbarkeit vom Restbestand ab.

Wo wir heute stehen (März 2026)

SPS-FamilieStatusErsatzteile bisRisikoniveau
SIMATIC S5 (alle)EOL seit Sept 2020Keine Siemens-Garantie. Nur Dritthändler.Kritisch
SIMATIC S7-300Produktion gestoppt Okt 2025~Okt 2033 (Siemens-Garantie)Hoch und steigend
SIMATIC S7-400In Abkündigung (variiert nach CPU)Variiert, ~2030–2035Hoch
SIMATIC ET 200MProduktion gestoppt Okt 2025~Okt 2033Hoch und steigend
SIMATIC S7-1200 (1. Gen)Produktion stoppt Nov 2026~2036Moderat
SIMATIC S7-1500Aktive ProduktionVoller SupportGering

Die Preiskurve: Was nach dem Produktionsstopp passiert

Ein Muster, das wir bei der S5-Reihe bereits vollständig beobachtet haben:

Jahre 0–2 nach PM410: Preise steigen 20–50 %. Lieferzeiten verlängern sich von Tagen auf Wochen.

Jahre 3–5 nach PM410: Preise steigen 100–300 %. Spezial-Broker und Surplus-Händler werden zur Hauptquelle. Gefälschte und aufbereitete Teile kommen auf den Markt — mit Qualitätsrisiken.

Jahre 5–10 nach PM410: Manche Module werden zum keinem Preis mehr erhältlich. Lieferzeiten von Monaten. Notfallbeschaffung während eines produktionskritischen Ausfalls wird zur Glückssache.

S5-Beispiel (6 Jahre nach EOL): Eine S5 CPU 944B, die neu ca. 500 € kostete, wird auf dem Sekundärmarkt heute mit 3.000–8.000 € gelistet — wenn überhaupt verfügbar. S5-Kommunikationsprozessoren (CP 143) sind praktisch ausgestorben.

Die drei Risiko-Szenarien

Szenario 1: Der vorhersagbare Ausfall

Ein Elektrolytkondensator auf einem 25 Jahre alten S5-Netzteil trocknet aus. Netzteil fällt aus. Kein Ersatz im Regal. Der Surplus-Händler hat eines — in 3 Wochen. Produktion steht.

Kosten: Ersatzteil 2.000 € + Stillstand (3 Wochen × 40h × 10.000 €/h) = 1.202.000 € Gesamtwirkung.

Dieses Szenario ist nicht hypothetisch. Jedes S5-Netzteil hat Elektrolytkondensatoren. Jeder Kondensator hat eine endliche Lebensdauer.

Szenario 2: Der Kaskadenausfall

Blitzeinschlag beschädigt S7-300-CPU und zwei E/A-Module gleichzeitig. Siemens kann eine Ersatz-CPU liefern — in 6 Wochen. Die spezifische E/A-Modul-Variante ist gar nicht mehr verfügbar weil es ein Low-Volume-Typ war.

Folge: Maschine kann nicht in Originalkonfiguration wiederhergestellt werden. Umverdrahtung auf anderen E/A-Modultyp erfordert Programmänderungen. Niemand im Werk kann das S7-300-Programm ändern weil der STEP-7-Programmierer vor 2 Jahren gegangen ist.

Szenario 3: Die unmögliche Erweiterung

Werk gewinnt neuen Auftrag der Verdopplung der Produktionskapazität erfordert. Zusätzliche Linie braucht 8 weitere S7-300-E/A-Module. Siemens kann nicht liefern — Produktion eingestellt. Surplus-Händler haben 3 von 8 benötigten. Erweiterung kann nur mit Migration auf S7-1500 weitergehen.

Gegenmaßnahmen (nach Wirksamkeit geordnet)

Maßnahme 1: Migration auf S7-1500 (Beste Langzeitlösung)

Alternde SPS durch aktuell produziertes System ersetzen. Voller Siemens-Support, moderne Features, Ersatzteile auf Jahrzehnte garantiert.

Investition: 10.000–50.000 € pro Maschine. Ergebnis: Problem dauerhaft beseitigt.

Maßnahme 2: Strategische Ersatzteilbevorratung

Kritische Ersatzteile jetzt kaufen solange sie verfügbar und bezahlbar sind. Fokus: CPUs, Netzteile, Kommunikationsprozessoren.

Investition: 5.000–20.000 € pro System für 5-Jahres-Puffer. Einschränkung: Kauft Zeit aber löst das Problem nicht. Bauteile altern im Lager (Elektrolytkondensatoren, batteriegepufferte Speicher). Bevorratung ist eine Brücke, kein Ziel.

Maßnahme 3: Reparaturdienstleister

Firmen wie Eichler GmbH, Foxon und andere bieten Reparatur ausgefallener S5- und S7-300-Module an. Defekte Bauteile werden auf Platinenebene ersetzt.

Investition: 200–1.500 € pro Reparatur. Einschränkung: Nur möglich wenn Modul physisch reparierbar ist. Durchlaufzeit: 1–4 Wochen. Nicht für Notfallsituationen geeignet.

Maßnahme 4: Emulation / Adapter-Hardware

CPU durch Emulator ersetzen der das Originalprogramm auf moderner Hardware ausführt. Siehe unseren detaillierten Vergleich Emulatoren vs. Vollmigration.

Investition: 2.000–5.000 € pro CPU. Einschränkung: S5/S7-300-Programm bleibt unverändert — keine modernen Features, keine Dokumentationsverbesserung, neue Herstellerabhängigkeit.

Die Rechnung die das Gespräch verändert

Für jede Anlage mit S5- oder S7-300-Systemen:

Erwartete jährliche Stillstandskosten = P(Ausfall) × Stunden_Stillstand × Kosten_pro_Stunde

Wobei:
  P(Ausfall) für 20 Jahre altes System ≈ 15–25 % pro Jahr (steigend)
  Stunden_Stillstand mit Ersatzteil auf Lager ≈ 8–24 Stunden
  Stunden_Stillstand ohne Ersatzteil ≈ 120–500+ Stunden
  Kosten_pro_Stunde = Ihr Produktionswert (typisch 5.000–50.000 €)

Mit Ersatzteilen auf Lager: 20 % × 16h × 10.000 € = 32.000 €/Jahr. Ohne Ersatzteile: 20 % × 240h × 10.000 € = 480.000 €/Jahr.

Die Differenz — 448.000 €/Jahr — ist der jährliche Wert eines funktionierenden SPS-Systems. Er übersteigt jedes Migrationsbudget bei weitem.

Was PLCcheck Pro zur Obsoleszenz-Strategie beiträgt

Ob Migration, Bevorratung oder Kombination — Sie müssen verstehen was Sie haben:

Die schlechteste Position: keinen Plan und keine Dokumentation haben wenn ein kritischer Ausfall eintritt. PLCcheck Pro beseitigt das zweite Problem sofort und hilft beim ersten.

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Häufig gestellte Fragen

Wie lange werden S7-300-Ersatzteile wirklich verfügbar sein?

Siemens garantiert bis ungefähr Oktober 2033. In der Praxis: Gängige Module möglicherweise länger über Dritthändler. Seltene oder niedrigvolumige Module verschwinden viel früher. Sicherste Annahme: Planen als ob Ihr spezifisches Modul ab 2030 nicht mehr verfügbar wäre.

Ersatzteile bevorraten oder migrieren?

Wenn Migration innerhalb von 3 Jahren geplant: Kritische Ersatzteile als Brücke bevorraten. Wenn keine konkrete Migrations-Timeline existiert: Bevorratung verschiebt das Unvermeidliche während die gelagerten Teile altern. Am besten: Kritische Teile bevorraten UND Migrationsdatum festlegen.

Mein S5-System läuft seit 30 Jahren. Warum sollte es jetzt ausfallen?

Elektrolytkondensatoren, Backup-Batterien, Relaiskontakte und Steckverbinder haben endliche Lebensdauern. 30 Jahre Laufzeit bedeutet Glück gehabt — nicht Unsterblichkeit. Die Ausfallwahrscheinlichkeit steigt exponentiell mit dem Alter.


Gepflegt von PLCcheck.ai. Letztes Update: März 2026. Keine Verbindung zu Siemens AG.

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